Wasserschloss Mellenthin – Mittelalterlicher Fliesenboden unter Denkmalschutz

Höhere Belastungen und Ansprüche in einer modernen Welt

Das malerische Wasserschloss Mellenthin, im gleichnamigen Ort in der Mitte der Ostseeinsel Usedom gelegen, wird schon lange nicht mehr so genutzt wie zur Zeit seiner Erbauung im ausklingenden 16. Jahrhundert, als die adligen Besitzer ihr beschaulich-zurückgezogenes Leben führten. Seit nunmehr vielen Jahrzehnten unterliegt die denkmalgeschützte Anlage einer sehr viel intensiveren Nutzung, ob als Wohnkomplex mit angeschlossenem Kindergarten, Heimatmuseum oder Gaststätte. Inzwischen ist aus dem Barockschloss mit den beiden vorgelagerten Nebengebäuden, dem breiten Wassergraben mit Brücke und weitläufigen Park ein Hotel mit großzügigem Spa-Bereich und Einkaufsmöglichkeiten – wie etwa einem Laden mit angeschlossener Kaffeerösterei – geworden.

 

 



Das gastronomische Zentrum bildet neben dem Restaurant vor allem die eigene Brauerei, in der selbstgebrautes Bier ausgeschenkt wird und reger Besuchs- und Gastverkehr herrscht. Der alte Fliesenboden aus gebranntem Lehm stammt aus dem Spätmittelalter und war vor mehr als 400 Jahren, in der architektonischen Übergangsphase von der Gotik zum Barock, verlegt worden. Er konnte der hohen und permanenten Belastung nicht mehr standhalten und musste durch einen neuen Boden ersetzt werden, der zugleich den strengen Anforderungen des Denkmalschutzes genügen sollte.



Denkmalschutz als wichtiges Instrument zur Bewahrung der Geschichte 

Barockfußböden – Handwerkliche Meisterschaft auf ihrem Zenit

Für das Wasserschloss Mellenthin mit seiner bewegten Geschichte gibt es zahlreiche Gründe für Denkmalmalschutz und -pflege, die vor allem in seiner historischen und volkskundlichen Bedeutung für die gesamte Region zu finden sind. Heute leben in der alten Gemeinde knapp 500 Menschen; die Geschicke ihrer Vorfahren wurden viele Jahrhunderte aus dem Herrenhaus der Familie von Neuenkirchen und anderen adligen Nachfolgern gesteuert. Das starke öffentliche Interesse besteht nicht nur darin, ein historisches Bauwerk in all seiner Detailtreue vom Fußboden bis zum Dach zu erhalten, sondern damit zugleich auch die Kunstfertigkeit und Meisterschaft ihrer Erbauer zu bewahren. Denn Schloss Mellenthin erzählt als wichtiger und bestimmender Teil der Geschichte des Ortes und ganz Usedoms natürlich selbst eine Geschichte.

Da der Bund die Pflege und Verwaltung den einzelnen Bundesländern übertragen hat, ist das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern für alle Baudenkmäler in Mellenthin verantwortlich. Die Aufgabe dieser Denkmalschutzbehörde besteht somit auch darin, alle Baudenkmäler im Landkreis Vorpommern-Greifswald zu erhalten – durch Bestandsschutz und Auflagen gegenüber den Besitzern, die bei Sanierungen, Renovierungen oder Aus- und Umbauten vor allem das Aussehen aller Bereiche der Gebäude, also auch der Fußböden, betreffen. Da das historische Gesamtbild zwingend erhalten bleiben muss, schreibt das Denkmalamt auch die zu verwendenden Techniken, Materialien sowie die Farbgebung vor. Nichts darf verändert werden. Es muss genauso aussehen, schmecken, sich anfühlen. Alles, was den Originalbau ausmacht, muss erhalten bleiben. Diese Anforderungen gelten natürlich auch für Böden.

Das Material, das vor Jahrhunderten zur mühevollen Einzelanfertigung einzelnen Fliesen verwendet wurde, darf verbessert, aber nicht durch ein neues ersetzt werden. Gern gesehen ist es, wenn auch die Herstellungsmethode im traditionellen Geiste stattfindet. Denn die Denkmalschutzbehörde achtet penibel darauf, dass die historische Grundaussage eines Gebäudes nicht verloren geht und der Gesamteindruck möglichst originalgetreu erhalten bleibt.



Historische Böden wurden in liebevoller Handarbeit gefertigt

Denkmalschutz heißt, Meisterschaft vergangener Jahrhunderte nachzubilden 

Der Boden eines Gebäudes wird naturgemäß am meisten belastet und geht am schnellsten kaputt. Vor der industriellen Revolution, die durch Zusatz giftiger Chemikalien festere, billigere und sehr schnell, im großen Stil fertigzustellende Fußböden erfand, bestanden sie entweder aus Holz, teurem Gestein wie Marmor und Knochenkalk oder aus gebranntem Lehm und mussten mühsam in Handarbeit hergestellt werden.

    

 

In Mellenthin stammte der Fliesenboden aus dem Spätmittelalter und war – wie bei handgefertigten Lehmfliesen nicht ungewöhnlich – noch sehr gut erhalten. Die meisten Stücke hatten all die Jahrhunderte fast schadlos überstanden. Lediglich einzelne Fliesen aus gebrannter Erde waren zersplittert oder abgerieben. Neben dem nachhaltigen Grundmaterial an sich spielte vor allem die Tatsache eine große Rolle, dass der Fußboden bisher keiner dauerhaften und massiven Belastung ausgesetzt war. Die neuen Betreiber hatten sich aber dafür entschieden, eine Brauerei und Destillerie mit Restaurantbetrieb in diesem Teil des Wasserschlosses einzurichten, der naturgemäß von dauerhaft-regem Publikumsverkehr begleitet werden würde.

Besser als das Original aus dem 16. Jahrhundert

Moderner Fliesenboden im historischen Gewand

Somit kam nur eine vollständige Neuverlegung des gesamten Fußbodens in Frage. Die Fliesen mussten dabei auf allen Ebenen zwingend den historischen Charakter der Originale in Material, Farbe, Form, Oberfläche sowie an den Kanten widerspiegeln, um sich so nahtlos in die Architektur des denkmalgeschützten Schlosses einzufügen. Neben dem optischen Aspekt, der eine Unterscheidung von Original und Replikat praktisch unmöglich macht, musste der neue Boden aus gebrannten Lehmfliesen aber auch neuen und sehr viel höheren Anforderungen genügen als bisher. Das heißt, die Nachbildungen sollten sehr viel stabiler, also bruch-, biege- und trittfest sein, zugleich rutschsicher bei geringstem Tiefenverschleiß. Zudem hatten die Betreiber sehr hohe Hygieneansprüche: Die neuen Fliesen mussten sich einerseits leicht reinigen lassen und sich zugleich durch eine hohe Widerstandsfähigkeit gegen Flecken auszeichnen.



 

Hand in Hand mit den Denkmalschutz-Behörden

Ein steiniger Weg aus gebrannter Erde

Besitzer denkmalgeschützter Gebäude leisten einen Beitrag für das Allgemeinwohl, indem sie Geschichte und Tradition bewahren und werden für ihren Einsatz, ihre Leistung und ihre Zeit auch belohnt, denn Sanierungs- und Renovierungskosten sind steuerlich absetzbar, sie erhalten Förderungen und günstige Kredite durch die KfW, der Wert ihrer Immobilie ist gesichert und steigt oft im Preis, bei der Vermietung werden in der Regel höhere Einnahmen erzielt.

Zugleich aber sind die Eigentümer natürlich verpflichtet, ihr Baudenkmal nicht nur in einem guten Zustand zu halten, sondern die strengen Auflagen der Denkmalbehörde bei Renovierung, Umbau und Nutzung zu beachteten und umzusetzen. Das betrifft auch und zu allererst den Fußboden, auf dem jedes Gebäude ruht.

 

 

     

 

 

Will man nur einzelne Fliesen eines Bodens ersetzen, muss man sich in der Regel auf eine lange Suche nach Ersatz begeben, denn antike Fliesen sind ein rares Gut. Selbst wenn das Denkmalamt einzelnen Stücken seinen Segen erteilt, weil sie sich in Farbe, Größe, Form in das Gesamtbild einfügen würden, bleibt oft das Problem der Radioaktivität. Denn in vergangenen Jahrhunderten wurde nicht darauf geachtet, woher das Grundmaterial zur Herstellung von Boden- oder auch Wandfliesen stammte und wie sehr es von Strahlung belastet war.

 

 

Bestandsaufnahme, Forschung und Gutachten im Geiste des Denkmalschutzes

Präzise Vorbereitung und fachliche Meisterschaft für einen originalgetreuen Fliesenboden aus gebrannter Erde

Das Expertenteam verschafft sich vor Ort einen Überblick, analysiert dann im Labor Proben des originalen Fliesenbodens aus dem 16. Jahrhundert, seine Beschaffenheit und Zusammensetzung. Wie hoch ist der Anteil von Ton und Sand innerhalb des Lehms? Welcher Farbton ist der bestimmende? Welche Mineralien sind in dieser ganz speziellen Mischung enthalten und wie wurden sie verarbeitet? Wie sind Stabilität, Oberflächenbeschaffenheit und Maßhaltigkeit der einzelnen Fliesen ausgeprägt? In Zusammenarbeit mit Bau- und Kunsthistorikern und auch Mediävisten wird sehr genau ermittelt, aus welchem Material ein Fußboden in welcher Region zu welcher Zeit üblicherweise zusammengesetzt war. Das ist besonders schwierig, wenn Fliesen sehr alt sind, denn je älter ein Boden desto weniger Aufzeichnungen gibt es.

 

 

 

Erst wenn Klarheit in allen Punkten besteht, werden mit den gewonnenen Erkenntnissen in langen Versuchen und zielführenden Experimente Materialproben hergestellt, um die erforderliche Lehmmischung, geprägt von korrekten Anteilen mineralischer und organischer Substanz sowie angemessenen Korngrößen, zu finden und zugleich an moderne Anforderungen anzupassen. Es wird gesiebt, gesumpft und gemahlen, bevor der Lehm gebrannt werden kann – manchmal hart an der Grenze, manchmal auch darüber hinaus. Stimmt auch nur eine Kleinigkeit nicht, beginnen die Untersuchungen wieder von vorn.

Erst wenn die angestrebte Härte, die verwendete Struktur, die ursprüngliche Farbe und der Klang beim Aneinanderschlagen zweier Fliesen, also Aussagekraft und Erscheinungsbild, wirklich dem historischen Original entsprechen, darf die Denkmalschutzbehörde ihre Überprüfungen anstellen.

 

 

Wiederherstellung eines denkmalgeschützten Fußbodens aus dem Spätmittelalter

Präzision und Gelassenheit: Manufaktur und Restauratorenteam arbeiten Hand in Hand  

Sobald das Denkmalamt und natürlich die Besitzer ihre Einwilligung erteilt haben, beginnt die Produktion in der Manufaktur. In diesem Fall wurde eine Spezialanfertigung im Originalformat 28×28 cm hergestellt. Die einzelnen Fliesen sollten eine leicht unebene Oberfläche und kirschrot-marmorierte Farbgebung mit typischen Schwankungen aufweisen, damit sich die 500m² neuen Bodens auf natürlich-unauffällige Weise in das Gesamtgefüge des denkmalgeschützten Schlosses einfügen. Das Restauratorenteam sorgte im Anschluss für die fachgerechte Verlegungen der Fliesenreplikate. 

 

Schloss: Der Stammsitz der adligen Familie von Neuenkirchen wurde im 16. Jahrhundert erbaut und ist seit dem Beginn unseres Jahrtausends das wichtigste kulturelle Zentrum der schönsten Ostseeinsel Usedom.

Aufgabenstellung: Ein antiker Fliesenboden aus dem Mittelalter wurde nachgefertigt. Er musste sich optisch in die Architektur des denkmalgeschützten Schlosses einfügen und den typischen Charakter von Lehmfliesen aus dem 16. Jahrhundert widerspiegeln, zugleich aber den modernen Anforderungen starken Publikumsverkehrs genügen.

Arbeitsschritte: Bestandsaufnahme, Gutachten, Planung, Herstellung des Schlossfußbodens, Verlegung durch das Restauratoren-Team

Fläche und Material: 500 m² antiker Lehmfliesen im Format 28×28 cm, Sonderanfertigung in unterschiedlichen, natürlichen Lehmfarben mit Feldspat gemischt, minimal wellige Oberfläche durch Spezialbrand, Verlegung mit diagonaler und offener Kreuzfuge 

 

Dauer: 12 Wochen für Gutachten, Planung, Produktion, Verlegung und Trocknung

Amt für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg Vorpommern

Fotos: © Wasserschloss Mellenthin