Terracotta-Fliesen für das teuerste Penthouse Deutschlands in der Elbphilharmonie 

Die ambitionierte Innenarchitektur Irena Richters ruht auf handgefertigten Lehm-Fliesen   

Hamburgs mächtige, prachtvolle und hyper-moderne Elbphilharmonie prangt am nördlichen Ufer des gleichnamigen Flusses an der Westspitze der Hafen-City. Das neue Wahrzeichen der Hansestadt, liebevoll Elphi oder Elbphi genannt, wurde auf einem ehemaligen Kaispeicher für fast 900 Millionen Euro in neun Jahren errichtet. Der ikonische Bau der Schweizer Architekten Herzog & de Meuron mit seiner futuristischen Glasfassade und dem markant geschwungenen, an Segel oder Wasserwellen erinnernden Dach definiert die Skyline der Metropole neu.

Vor allem bekannt wegen ihres hochmodernen Konzertbereichs beherbergt die Elbphliharmonie aber zugleich auch ein Hotel, mehrere Restaurants, eine öffentlich zugängliche Plaza, ein Parkhaus und 45 exklusive Penthouses oder Appartements, die ausnahmslos eine grandiose Aussicht auf Hafen, Elbe und Stadt gewähren und sich im Innenbereich selbstredend durch hochwertige Ausstattung auszeichnen.

Trotz allem ist es nur zu verständlich, sich gerade an diesem Hotspot der Hochkultur mit einer  individuellen Innenraumgestaltung selbst ein Denkmal zu setzen wollen, indem man sich mit dieser Geste, die durchaus als theatralisch empfunden werden kann, ganz bewusst gegen die weithin sichtbare Gestalt der Elbphilharmonie auflehnt: Durch etwas, das dem vordergründig-expressiven Äußeren in ihrem Inneren durch Rückzug in eine kokonhaft anmutende Höhlenartigkeit entgegentritt – wenn auch zum Preis einer nachgerade unwirklich-futuristisch anmutenden Einsamkeit, die – über den weit entfernten Menschen und deren Leben schwebend – wiederum gezwungen ist, vollständig sich selbst zu genügen.

 

Elbphilharmonie Querschnitt durch die Elbphilharmonie, Quelle: Elbphilharmonie

Die Idee des archaisch anmutenden Rückzugsortes

Irena Richters Entwurf der fließenden Formen umrahmt von gebrannter Erde

Gestalterisch funktioniert die Wohnung wie eine Höhle, in die man sich zurückziehen kann. Die Treppe zum oberen Bereich stellt dabei das Rückgrat dar, von dem aus sich verschiedene Wölbungen und geschwungene, für die Integration von Möbeln gedachte Hohlräume in Richtung Fassade erstrecken. Vor den Fenstern und Säulen, die als Teile der eigentlichen Gebäude-Architektur fremd bleiben, biegen sich die Verkleidungen folgerichtig nach innen und machen Platz für die künstliche Beleuchtung, die ungewollt-zwanglos aus den Fugen scheint. 

Die einzelnen, ineinander übergehenden Räume sollten immer wieder neue Eindrücke ermöglichen, die sich in Abhängigkeit von Lichteinfall, Geometrie und Laufrichtung auf unvorhersehbare Weise präsentieren. Das nicht ganz fassbare, eigenartig expressionistisch anmutende, helle Raumgefüge wird durch die zahlreichen typischen Terracotta-Elemente begrenzt, die selbständig schemenhaft-zarte Reminiszenzen an das alte Speichergebäude hervorrufen.

Irena Richters Alles-fließt-Entwurf lag als Grundgedanke eine organisch-anmutende Natürlichkeit zugrunde und sollte sich entsprechend im gestalteten Raum inkarnieren. Von Anfang an stand dabei fest, Fußböden und – teilweise auch – entstandene Flächen mit einem natürlichen, aber nichtsdestoweniger festen Material auszustatten.

Als logische Fortsetzung der auf organischer Natürlichkeit basierenden Idee lag die Verwendung von gebrannter Erde für den Fliesenfußboden gewissermaßen auf der Hand. Denn wie könnte man diese Kulmination des Archaischen besser vergegenständlichen, als die gesamte Innenarchitektur ganz bewusst auf Lehm, dem ältesten und vielleicht besten Baustoff der Menschheit, ruhen zu lassen – urwüchsig-kraftvoll, immer dagewesen, sicher, ökologisch, nachhaltig?

 

Anspruchsvolle Planung kreiert neue Standards 

Einbindung des Designs in eine Welt aus gebranntem Lehm 

Die Umsetzung des ambitionierten Entwurfs für die innenarchitektonische Ausgestaltung des Maisonette-Penthouses erwies sich als äußerst anspruchsvoll, da zu diesem Zeitpunkt alle anderen Appartements in der Elbphilharmonie bereits fertiggestellt worden waren und schon zu einem großen Teil bewohnt wurden.

Damit war jede Form von Material- und Werkzeug-Anlieferung von außen zwar nicht völlig ausgeschlossen, aber wenig sinnvoll. Als Zugang zum betreffenden Appartement in der Spitze der Elbphilharmonie stand nur ein räumlich stark begrenzter Personenaufzug zur Verfügung.

Aber gerade diese Voraussetzungen reicherten die Idee von der Höhle als Rückzugsort mit zusätzlicher Relevanz und Authentizität an. Denn ganz unweigerlich drängt sich doch das Bild der abgelegenen Grotte in einem schwer zugänglichen Bergmassiv auf. Auch ihr unglaublich schmaler Zugang wird ihren dankbaren Entdecker, der bei seiner scheinbar endlosen und ermüdenden Suche nach Schutz vor einer feindlichen Umwelt schließlich auf sie gestoßen war, nicht davon abhalten, sie sich schließlich auch einzurichten und heimisch zu machen – aller Widrigkeiten zum Trotz.   

Der Entwurf der Innenarchitektin Irena Richter für die Gestaltung des Appartements.  

 

Die verschiedenen Phasen der Umsetzung

Herausfordernde Aufgabenstellung bedingt ambitionierte Lösung 

Unter diesen Voraussetzungen war einem herkömmlichen und vollumfassenden Innenausbau  der Weg versperrt und ein innovativer Lösungsansatz gefragt. Denn während sich Baumaterialien und -stoffe kontinuierlich weiterentwickeln, haben sich die Methoden des Bauens im Prinzip seit der Gründerzeit kaum verändert. Von jeher besteht eine Diskrepanz zwischen der Planung und deren Umsetzung, dem eigentlichen Bauprozess. Mit einer Fertigung nach 3D-Daten, die in allen anderen Industriezweigen seit Jahren Standard ist, bietet sich die Chance, beide Bereiche viel besser aufeinander abzustimmen.

Bei der Planung  des Innenausbaus für das zweigeschossige Penthouse im obersten Stock der Hamburger Elbphilharmonie wurde der herkömmliche Bauprozess also einfach umgedreht. Das heißt, es wurde in situ vermessen und entsprechend der tatsächlichen Gegebenheiten geplant, passgenau vorproduziert und am Ende vor Ort eingebaut. Der gesamte Prozess gliederte sich dabei in verschiedene Phasen.

 

Das digitale Reißbrett – Planen mit 3-D

Passgenaue Bauteilfertigung dank 3-D-Modell

Als erstes musste die Raumhülle mit einem Laserscanner millimetergenau vermessen, dreidimensional umgesetzt und schließlich mit den Entwürfen zur innenarchitektonischen Ausgestaltung abgeglichen und so lange optimiert werden, bis alle Beteiligten zufrieden waren.

Nacheinander wurden die drei Schichten der Holzunterkonstruktion, der Haustechnik mit Sanitärinstallationen, Elektroleitungen und Lüftungskanälen sowie der Oberflächenverkleidung minutiös geplant und schließlich mit­ein­ander verknüpft. Im Falle der auf den Punkt designten Terracotta-Elemente wurden das Verlegeraster und die Fugenbreiten exakt am Bildschirm vorbestimmt und anschließend in situ von der Innenarchitektin und dem Fliesendesigner verifiziert.

Eine Änderung der Planung war von diesem Punkt an nicht mehr möglich. Aber die relativ lange und komplizierte Planungsphase führt gleichzeitig dazu, dass sich die Ausführungszeit kurz und unkompliziert gestaltet. 

 

Computergesteuerte Robotertechnik trifft traditionelle Handarbeit

Getragen von gesunden Terracotta-Fliesen im zeitlosen Design

Das digitale 3-D-Modell lieferte die Grundlage für die Herstellung aller Installationsobjekte und -materialien, also der organischen Wand- und Deckenschalen, die der Rechner schließlich in etwa 1.000 segmentierte Einzelteile zerlegte. Diese wurden anschließend mit computergesteuerten CNC-Fräsen und Fräsrobotern aus Porenbeton oder Gipskarton geschnitten und nummeriert.  

Natürlich erfolgte auch die gesamte Oberflächen-Planung für die gebrannten Lehm-Elemente, die nicht nur für den Fußboden verwendet wurden, digital und dreidimensional; hergestellt wurden sie aber im traditionellen Verfahren mit der Hand. In dem knapp 250-m²-großen Appartement in der Elbphilharmonie wurden insgesamt 350 m²  Terracotta-Fliesen und -Elemente auf dem Fußboden, den Treppen, an den Wänden verbaut und für Ablagen und Bänke verwendet. Damit zeigte sich, dass digitales Bauen und traditionelles Handwerk durchaus fruchtbar Hand und Hand gehen können.  

 

Gesamt-Installation wird als Vorführmodell getestet 

Fernab der Elbphilharmonie wird die gesamte Innenarchitektur zu Testzwecken errichtet 

Dieses innovative, für die Baubranche neuartige 3-D-Verfahren war noch nie getestet worden, deshalb wollten die Verantwortlichen nichts dem Zufall überlassen. So wurden weitab von Hamburg, am anderen Ende Deutschlands in einer Werkhalle im bayerischen Peiting, die nach dem digitalen Modell gefertigten Einzelteile zu einem 1:1-Mock-Up zusammengesetzt, um so mögliche Probleme zu erkennen und Fehler zu vermeiden.    

Jedes der mehr als 1.000 Einzelteile, ob aus Holz, gefrästem Beton oder handgefertigtem und gebranntem Lehm, war zuvor nummeriert worden, um einen möglichst problemlosen Probeaufbau gemäß der 3-D-Planung zu gewährleisten. Das Prinzip mag den Laien an „Malen nach Zahlen“ erinnern, war aber aufgrund seiner Dreidimensionalität sehr viel anspruchsvoller.

 

 

 

Die Installation

Leise und staubfreie Realisierung der Innenarchitektur in der Elbphilharmonie-Spitze

Nach dieser zeitintensiven Generalprobe wurde jedes einzelne Segment der innenarchitektonischen Konstruktion aus Bayern nach Hamburg transportiert, mit dem besagten Personalaufzug in die 24. Etage der Elbphilharmonie gebracht und schließlich in das Penthouse eingepasst.

Trotz der guten Planung und des Testaufbaus mit dem 1:1-Modell blieb auch die finale Auskleidung des Appartements  eine ambitionierte Aufgabe aus mehreren Gründen. Auch wenn sich die Fertigstellung der Elbphilharmonie länger als gewünscht hingezogen hatte, waren zu diesem Zeitpunkt die eigentlichen Bauarbeiten lange beendet, das neue Wahrzeichen der Hansestadt in die Hände der Hamburger übergeben.

 

 

 

Auch die Innenraum-Gestaltung der anderen Wohnungen war abgeschlossen, die Bewohner hatten sie bereits bezogen. Somit musste die tatsächliche Umsetzung in der Spitze der Elbphilharmonie ganz behutsam, in aller Stille erfolgen, um die anderen Bewohner nicht zu stören.

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Da die Penthouse-Besitzer in ihrer Privatsphäre keine Störung wünschen, gibt es momentan keine öffentlichen Bilder von der tatsächlichen Umsetzung dieses ambitionierten Projektes, an dem viele Visionäre und Fachleute über Jahre beteiligt waren.  

 

Luxus-Appartement: Das teuerste und innovativste Penthouse Deutschlands, das lange nach der Fertigstellung der Elbphilharmonie und dem Bezug der anderen Wohnungen in einem innen-architektonisch einmaligen Prozess fertiggestellt wurde. In der zweigeschossige Wohnung in der Spitze des Hamburger Wahrzeichens (24. Stock) ruht das von organischer Natürlichkeit inspirierte Design der international renommierten Innenarchitektin Irena Richter auf unseren Lehm-Fliesen.

Aufgabenstellung: Ökologische und nachhaltige Lehmfliesen für Wand und Boden sowie Sitzflächen mit sehr hoher Stabilität, Tritt- und Abriebfestigkeit sowie Schalldämmung, die sich als Gegenpol in das „Alles fließt“-Konzept der Innenarchitektin einfügen. 

Arbeitsumfang: Konzept, Planung, Herstellung.

Fläche und Material: 350 m² Fliesen aus speziell entwickelter Hartbrand-Lehmmischung in verschiedenen Farben für Boden, Wand, Treppen, Bänke und Ablagen.

Dauer: 1 Jahr Planung, Herstellung und Lieferung (Gesamtprozess 6 Jahre)

Innenarchitektur Irena Richter, Projektleitung Brückner Architekten, München gemeinsam mit Generalplaner Schotten & Hansen, Peiting; Cora Digital Interior Manufacturing, München (digitale Innenraumplanung)

Fotos: Entwürfe – ©Irena Richter, Mock-Up/Modell-Aufbau – ©Schotten & Hansen