Restaurierung des Kirchenfußbodens in St. Gereon in Köln

Der einzigartige Fliesenfußboden stammt aus dem 14. Jahrhundert

Die Ursprünge der Basilika St. Gereon in der nördlichen Altstadt Kölns gehen auf die zweite Hälfte des 4. Jahrhunderts zurück. Die Kirche mit ihrem einzigartigen Fußboden ist eines der bedeutendsten Zeugnisse antiker Repräsentations-Architektur nördlich der Alpen und einer der ältesten noch bestehenden Sakralbauten in Deutschland.

Bei Renovierungs- und Absenkungsarbeiten wurden im Jahr 2010 (unter Parkett und Teppich) Reste des originalen Kirchenfußbodens aus dem 14. Jahrhunderts entdeckt. Schnell entschieden sich die Verantwortlichen daraufhin für die Restaurierung und Rekonstruktion der originalen Fliesen in ihrer ursprünglichen, satten Farbigkeit, um so der oberen Sakristei der Kirche ihren tatsächlichen, geradezu kristallin-klaren Charakter und der eigentlichen Architektur des gotischen Raumes von 1315 seine große Eindringlichkeit wiederzugeben.

 

 

Seltener Kirchenfußboden aus dem Spätmittelalter

Die Entscheidung für seine Rekonstruktion und Gestaltung

Nach dem sensationellen Fund des historischen Fußbodens im Jahr 2010 galt es nun zu entscheiden, wie die Wiederherstellung der gotischen Sakristei der Kirche im Einzelnen zu gestalten sei. Naturgemäß wurden von Anfang an alle Maßnahmen von der Bauforschung beim Landeskonservator und der städtischen Denkmalpflege einerseits

sowie von der kirchlichen Denkmalpflege anderseits begleitet und erst nach Abwägung und Auswertung der Befunde eine Entscheidung zur Konservierung vorgenommen. Daraufhin wurde der Restaurator und Spezialist für antike Lehmböden, Karsten Blättermann, beauftragt, die vollständige Restaurierung des Kirchenfußbodens umzusetzen.

 

 

 

Die Restauraurierung des Kirchenfußbodes beginnt mit der Recherche

Analyse regionaler und allgemein-historischer Gestaltungselemente und Materialbeschaffenheit 

Bevor die eigentliche Restaurierung eines Kirchenfußbodens, wie auch immer er geartet sein mag, beginnen kann, muss recherchiert werden. Denn meist gibt es neben den spärlichen Resten eines Kirchenfußbodens aus dem Spätmittelalter, der wie in diesem Fall aus den Anfängen des 14. Jahrhunderts stammt, selten mehr als einzelne, teilweise erhaltene Originalfliesen, sondern in der Regel nur Fragmente einzelner Fliesen, die an verschiedenen Enden des Kirchenfußbodens entdeckt wurden.


Karsten Blättermann und sein Team bergen den antiken Fliesenboden, katalogisieren und erforschen Lehmmischung, Glasur, Brand und Motive.

Zu allererst wird die Materialzusammensetzung erforscht, das heißt in welchem Verhältnis sich Ton und Sand innerhalb des Lehms zu einander verhalten, welcher Farbton der bestimmende ist und welche Mineralien in dieser ganz speziellen Mischung dieses Kirchenfußbodens enthalten sind. Darüber hinaus spielt auch die Verarbeitung der Mischung eine große Rolle, da auf diesem Wege Stabilität, Beschaffenheit der Oberfläche und teilweise auch Maßhaltigkeit der einzelnen Fliesen bestimmt werden. In Zusammenarbeit mit Bau- und Kunsthistorikern wird sehr genau ermittelt, wie die Grundstoffe in welcher Region, zu welcher Zeit, üblicherweise zusammengesetzt waren.

Trotz hervorragender Arbeit der wissenschaftlichen Forschung gibt es für den gesamten Bereich des Mittelalters vom 6. bis zum Beginn des 16. Jahrhunderts aus nahe liegenden Gründen nur wenige Aufzeichnungen und fast keine Dokumentationen. Nichtsdestoweniger konnten Blättermann und sein Team in den vergangen 30 Jahren, in der täglichen Restaurationsarbeit, große Fortschritte machen und enorme Kenntnisse anhäufen, so dass sie nicht nur die passende Zusammensetzung des Lehms, sondern auch die Beschaffenheit der Fliesenfarbe – nicht zuletzt durch die beeindruckend gut erhaltene Intensität der wenigen, mehr als 700 Jahre alten Original-Stücke – für den Boden der Kirche schnell ermitteln konnten, um daraus schließlich das Mosaik getreu den historischen und kunsthandwerklichen Möglichkeiten und Intentionen nachzugestalten.

 

 

 

 

Planung der Fliesenverlegung in der Kirche

Zusammen mit Fachwissenschaftlern werden die Archive durchforstet

Genau wie jede Fliese an sich – in ihrer Material-Beschaffenheit, Farbe, Größe, Stärke – ist natürlich auch ihre Anordnung als Gesamtbild oder als Teil einer größeren Einheit entscheidend. Zur authentischen Wiederherstellung eines Kirchenfußbodens muss also wiederum zusammen mit Bauhistorikern und Mediävisten recherchiert werden, wie Fliesen im frühen Spätmittelalter im Allgemeinen und bestimmten Regionen im Besonderen üblicherweise verlegt worden sind. 

In den Archiven werden die Aufzeichnungen nach allen erdenklichen Anhaltspunkten – wie alte Verlegepläne und Fotos von ähnlichen, noch erhaltenen Fliesenböden in äquivalenten Gebäuden dieser Zeitperiode – durchforstet, um eine Rekonstruktion des Kirchenfußbodens im Geiste der Erbauer zu gewährleisten. Sobald alle Daten ausgewertet sind, wird am Computer der Verlegeplan für die Wiederherstellung des Kirchenfußbodens erstellt und mit den Bauherren und Architekten abgestimmt.

 

 

 

 

 

Rekonstruktion historischer Fliesen für einen Kirchenfußboden

Das Design der Einzelfliese bestimmt das große Ganze

Nachdem das große Ganze, also der Plan für die Wiederherstellung des Kirchenbodens feststeht, müssen die Details für die Replikation jeder einzelner Bodenfliese bestimmt werden. Zuvor hatte die Brandenburger Restaurationsfirma mit Dependancen in der Deutschen Hauptstadt Berlin und in Spanien die grundsätzliche Beschaffenheit des Materials, das heißt seine Oberflächenstruktur, Stabilität, Festigkeit und die Zusammensetzung der Glasur in ihren eigenen Laboren analysiert. Im nächsten Schritt wurde das Design der einzelnen Fliesen für den Kirchenfußboden bestimmt, das heißt ihre genaue Größe, Form, Farbe und genaue Lage innerhalb des großen Schmuckmosaiks für den Kirchenfußboden. Denn die Gesamtwirkung und namentlich die Farbigkeit des Kirchenfußbodens wird maßgeblich durch die aufgelegten Glasurfarben erzeugt.

Eine besondere Herausforderung für die Replikate bestand darin, dass die Konstrukteure im 14. Jahrhundert verschiedenfarbige Glasuren auf Fliesenrohlinge aus verschiedenfarbigen Tonmischungen aufgetragen haben:

  •  Transparent auf fast weißen, roten, rosafarbenen und dunkelbraunen Tonmischungen
  • Rotbraun – hellbraun
  • Schwarz und braun (teilweise verbrannt – Scherben und Glasur)
  • Grün gesprenkelt – grüne Schlieren (heller und roter Ton)
  • Grün (meist auf hellem Ton)

Das Muster des Kirchenfußbodens ergibt sich im St. Gereon einzig durch die komplizierte Anordnung der Einzelfliesen und nicht durch in die Oberfläche eingebrachte Reliefs, wie sie die Blättermann-Restauratoren bereits für andere Projekte realisiert haben.

 

Rekonstruktion einer handbemalten Relieffliese nach einem Fundstück von der ersten Skizze bis zur Integration in den Mosaikboden

 

 

 

 

 

 

Herstellung der Fliesen für den Kirchenfußboden in eigener Manufaktur

Restaurierung des Kirchenfußbodens mit 24.000 handgeformten und -bemalten Einzelstücken 

Nach vielen Testbrennungen im Vorfeld konnte schließlich in der Manufaktur  die Produktion der 24.000 einzelnen Ton-Fliesen für den Kirchenfußboden beginnen. Verschiedenfarbige Tonmischungen bildeten das Ausgangsmaterial, aus dem die einzelnen, maßgenauen Fliesenrohlinge geformt werden sollten. Dazu mussten eigens traditionelle Holzrahmen in verschiedenen Größen und Formen angefertigt werden.
Als Grundlage aller Fliesen für die Restaurierung des Kirchenfußbodens diente das mittelalterliche Fußmaß von 28 cm und dessen Quotienten von 14, 7, 3,5 und 1, 75 cm. Die einzelnen Stücke wurden mit der Hand geformt: die feuchte Tonmasse wird in den Rahmen geworfen und abgezogen, bevor die Rohlinge langsam trocknen können. Dann werden sie von Hand mithilfe unterschiedlichen Pinseltechniken mit weißer Glasur überzogen, die erst beim Brand im Ofen die gewünschte Farbe ausprägt. Neben der Temperatur an sich bestimmen die Nähe zum und die Anordnung im Feuer die Farbverläufe auf den einzelnen Fliesen.  

 

 



Traditionelle Verlegung des Kirchenfußbodens durch erfahrenes Restauratorenteam

Jahrzehntelange Erfahrung mit Mittelalterfußböden garantiert exakte Wiederherstellung und enorme Langlebigkeit 

Der lange, komplizierte und aufwändige Herstellungsprozess mit vorangegangener Recherche und Planung wäre nur eine traurige Übung in Sinnlosigkeit, wenn der glasierte Schmuckfußboden der Kirche am Ende nicht auch tatsächlich in seinem ursprünglichen Glanz erstrahlen und genauso lange (also mehrere hundert Jahre) halten würde. Somit ist ein genauso wesentlicher Teil bei der Wiederherstellung eines Kirchenbodens seine fachgerechte Verlegung durch Spezialisten.

Das Restauratorenteam ist seit Jahrzehnten geschult im Umgang mit Replikaten von Mittelalterfliesen für Kirchen, Kathedralen, Schlösser, Burgen und alte Bürgerhäuser. Denn neben dem Grundmaterial auf Lehmbasis, dem ältesten und besten Baustoff der Menschheit, sind auch besondere Kenntnisse von traditionellen Verlegetechniken (hier sowohl ortogonal als auch diagonal, die im größeren Ausschnitt teilweise sechseckige Muster im Muster bildeten) und deren korrekte Anwendung erforderlich.

In diesem speziellen Fall bedeutete es, Tausende von handgeformten, kleinen Einzelfliesen mit einer Kantenlänge von teilweise nicht einmal 2 cm allseitig leicht anzuschneiden. Denn nur so konnte das Gesamtmosaik mit geringer Fugenbreite ins frische Mörtelbett verlegt werden. Nach einer Produktionszeit von einem Jahr waren schließlich alle 24.000 Einzelfliesen verlegt und der glasierte Mosaikfußboden aus dem Jahr 1315 wiederhergestellt, gewissermaßen als Rückgewinnung einer verlorenen Qualität, die der tatsächlichen Intention des gotischen Raums nachspürt.

 

 



 

 

 

    

Die Rezeption: Die Restauration eines Kirchenfußbodens aus dem 14. Jahrhundert

Begeisterte Kritiken zur Wiederherstellung eines Schmuckbodens aus 24.000 handgefertigten und -glasierten Einzelfliesen 

Der Kunstgeschichtler Dr. Gottfried Stracke vom Institut für historische Textilien, Spezialist für alle Fragen der Farbgebung im gesamten Mittelalter, lobt in seiner Abhandlung über die Planung und Restaurierung der gotischen Sakristeihalle von 1315 in der Kirche St. Gereon in Köln, erschienen im Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege 45 von 2013/14, die Arbeit aufs Entschiedenste, wenn er schreibt, dass unter allen Bewerbern lediglich das Blättermann-Team in der Lage war, „den Anforderungen in hohem Maße gerecht zu werden.“

Denn natürlich ging es bei diesem einzigartigen Projekt vor allem darum, handgeformte Fliesen – wie auch im Spätmittelalter üblich – herzustellen, das heißt, sie mussten nicht nur „allseitig leicht unterschnitten [sein], [ …] eine Varianz im Ton und dessen Zusammensetzung [aufweisen] und zugleich charakteristisch unregelmäßig Oberflächen“ ausbilden, da es ja im Mittelalter nicht die heutigen Ansprüche an Maßhaltigkeit von Bodenfliesen gab.

Stracke ergänzt: Auch Mischungen im Ton, wie sie das Fundmaterial wesentlich charakterisierte, waren gewünscht. Der handgeformten Qualität entsprach die Lebhaftigkeit der ebenfalls individuell aufgetragenen Glasuren. Auch hier war Varianz in der Farbausprägung, entsprechend dem Fundmaterial gefordert – bis hin zu den verbrannten oder dunkelbraun schwarz und metallisch blinkenden Oberflächen. Die wenigen, nicht abgelaufenen Glasurflächen des Originalbefundes zeigen dabei einen hohen, für Bleiglasuren charakteristischen Glanz, bei gleichzeitig hoher Transparenz, den das Studio Blättermann wiederholen musste.

„Mit der kleinteiligen Aufteilung (ca 24.000 Steine) ist es dabei gelungen, eine charakteristische Fassung des Raumes wiederzuerlangen. Die Farbe, der Glanz und die Brechung des Lichts auf dem „gläsernen“ Boden entspricht wohl einer wesentlichen Intention der Zeit um 1315 und antwortet der zeitgleichen Farbverglasung des Raumes heute aufs Neue.“

Kirche: Die Ursprünge der Basilika St. Gereon in Kölns Altstadt liegen bereits im 4. Jahrhundert, sie ist damit eines der bedeutendsten Zeugnisse antiker Repräsentations-Architektur, zugleich einer der ältesten noch bestehenden Sakralbauten in Deutschland und die wichtigste Kathedrale der Rhein-Metropole nach dem Kölner Dom.

Aufgabenstellung: Restaurierung eines farbigen Mosaik-Kirchenfußbodens mit 24.000 glasierten Tonfliesen-Replikaten aus eigener Herstellung (Spezialanfertigung nach Vorlage anhand weniger Originale aus dem 14. Jahrhundert)

Arbeitsumfang: Bestandsaufnahme, Recherche, Gutachten, Planung, Herstellung von Replikaten, Rekonstruktion des Kirchenfußbodens aus wenigen noch erhalten Original-Fliesen und Replikaten  

Fläche und Material: 65 m² farbiger Mosaik-Fußboden, 24.000 Fliesen aus mittelalterlicher Rheinischer Tonmischung (Spezialbrand), angeschliffen, glasiert; Antik-Fugenmasse altweiß

Dauer: 18 Monate für Planung, Herstellung und Restaurierung des neuen Kirchenfußbodens, Verlegung: 1 Jahr; Restaurierung der Sakristei insgesamt 6 Jahre 

Architekten: Sommer; archäologische Bodendenkmalpflege; Bauforschung beim Landeskonservator NRW; städtische Denkmalpflege Köln; kirchliche Denkmalpflege

Publikationen: „St. Gereon in Köln – Die gotische Sakristeihalle von 1315“,  Dr. Gottfried Stracke, Kunsthistoriker, Erschienen im Jahrbuch der Rheinischen Denkmalpflege 45 (2013/14), S. 49-61; „Colonia Romanica 34“, Jahrbuch des Fördervereins Romanische Kirchen Köln e. V.